ENTFREMDUNGSPROZEß YANKS IN EUGENE O´NEILLS THE HAIRY APE

Referat für das Seminar "Introduction to American Studies"
Dr. Ruth Mayer, Anke Bösel
Universität Köln
Wintersemester 1996/97

Patrick Kübler


INHALT

Einleitung

  1. Integration und Illusion
  2. Yanks Begegnung mit Mildred
  3. Disintegration und Selbstfindung
  4. Yanks Scheitern
    1. Yank als Gefangener seiner selbst
    2. Yank und seine archaischen Wurzeln
    3. Die Notwendigkeit einer Sinngebung
  5. Schlußbemerkung

Zitierte Werke



Einleitung

Die vorliegende Seminararbeit beschäftigt sich mit dem Entfremdungsprozeß Yanks in Eugene O´Neills The Hairy Ape, wobei Entfremdung als die Aufhebung einer ursprünglich einheitlichen Beziehung des Menschen zu sich selbst und seiner Umwelt verstanden werden soll. Die einzelnen Stufen, die Yank im Verlauf seines Entfremdungsprozesses durchläuft, sollen dokumentiert und analysiert und sowohl seine innere Entwicklung als auch die Entwicklung seines Verhältnisses zu seiner Umwelt aufgezeigt werden. Es soll deutlich werden, daß dabei zwei Entfremdungsprozesse gegeneinanderlaufen, denn zu Beginn des Stückes ist Yank zwar vollkommen in seine Umwelt integriert, dafür lebt und arbeitet er aber auf einem Niveau, das ihn seiner Menschlichkeit beraubt und entfremdet. Nun soll dargelegt werden, wie sich im Verlauf der Handlung, ausgelöst durch Yanks Begegnung mit Mildred, eine Umkehrung dieses Verhältnisses vollzieht; je mehr Yank zu sich selbst findet, desto weiter schreitet seine Isolation, seine Entfremdung von der Gesellschaft voran.

Ein zweiter Schwerpunkt soll auf Yanks Scheitern am Ende des Stückes und den Grün-den dafür gesetzt werden. Dazu soll das Wesen seines Konfliktes untersucht und zerglie-dert werden, d.h. es soll geklärt werden, welche Bedürfnisse Yank bewegen und was ihn in seinem Streben nach Integration antreibt. Bei der Analyse der Ursachen seines Konfliktes und den Gründen für sein schließliches Scheitern soll auch deutlich werden, daß Yanks Leiden nicht durch äußere soziale Verhältnisse bedingt ist, sondern daß dieser innere Konflikt sich lediglich in Yanks Verhältnis zu seiner Umwelt äußert. Bei der Klärung dieser Fragen lassen sich eine Vielzahl von philosophischen und psychologischen Konzepten von Nietzsche, Kierkegaard, Jung, Fromm bis hin zu Sartre in The Hairy Ape wiederfinden oder bei der Analyse darauf anwenden, aus ersichtlichen Gründen jedoch kann darauf nur sehr kurz eingegangen werden. Und da es mir, aus ebenfalls leicht nachvollziehbaren Gründen, unmöglich war, die jeweiligen Quellen selbst zu studieren, soll in Fußnoten auf die Rezensenten verwiesen werden, die in ihrer Analyse diese Quellen ausgewertet und auf The Hairy Ape angewendet haben.



1. Integration und Illusion

Zu Beginn des Stückes, in der ersten und bis zum Ende der dritten Szene, steht Yank in völliger Harmonie mit sich und seiner Umwelt. Das Leben und Arbeiten im Heizraum macht Sinn für ihn, er identifiziert sich voll und ganz mit der modernen Industriegesell-schaft und Begriffen wie Stahl, Feuer, Energie und Geschwindigkeit. Mit dem Bild, das er von sich hat, ist Yank zufrieden und glücklich, denn er sieht sich als die entscheidende Kraft, die das ganze System in Bewegung hält:

Everyting else dat makes de woild move, somep´n makes it move. It can´t move wi-tout somep´n else, see? Den yuh get down to me. I´m at de bottom, get me! Dere ain´t nothin´ foither. . . . I start somep´n and de woild moves! . . . I´m de ting in coal dat makes it boin; I´m steam and oil for de engines; I´m de ting in noise dat makes yuh hear it; I´m smoke and express trains and steamers and factory whistles; I´m de ting in gold dat makes it money! And I´m what makes iron into steel! Steel dat stands for de whole ting! And I´m steel-steel-steel! I´m de muscles in steel, de punch behind it!

Die Verherrlichung und Identifikation mit der Technik geben Yank ein scheinbar uner-schütterliches Selbstvertrauen und Zugehörigkeitsgefühl, das ihn auf alles andere mit Spott und Verachtung herabblicken läßt. Weder Paddys träumerisch-sehnsüchtige Erinnerungen an die vorindustrielle Schiffahrt, als der Mensch noch im Einklang mit der Natur lebte und arbeitete noch Longs antikapitalistische Reden, dessen Hoffnungen auf eine Veränderung durch den Marxismus oder sein Glaube an die Bibel bedeuten ihm irgend etwas. Paddy und dessen Segelschiffromantik sind für Yank "alt", "tot", Ausdruck von Schwäche und unwiederbringlicher Teil der Vergangenheit, wohingegen er Stärke, Jugend und Gegenwart repräsentiert: "All dat tripe yuh been pullin´ - Aw, dat´s all right. On´y it´s dead, get me? Yuh don´t belong no more, see. . . . Yuh´re too old. . . . He´s dead, but I´m livin´. . . . He´s old and don´t belong no more. But me, I´m young" (O´Neill 2: 1338). Und Longs Werben für soziale Reformen und sein Vertrauen auf Gott hält Yank für tatenloses, feiges Gerede: "Aw nix on dat Salvation Army-Socialist bull. . . . Yuh´re yellow, dat´s what" ( O´Neill 2: 1336). Auch braucht er kein Zuhause oder die Liebe zu einer Frau; der Heizraum ist sein Zuhause und gibt ihm alles, was er braucht und über die Tätigkeit, die für ihn später so wichtig wird, das Denken, macht er sich nur lustig: "(With a cynical grin) Can´t youse see I´m tryin´ to t´ink" (O´Neill 2: 1336).

Daß Yank durch das System, welches er glorifiziert, dem er sich vollkommen verschrieben hat und zu dessen Aufrechterhaltung er beiträgt, ausgebeutet wird, daß er nicht Herr, sondern Sklave der Technik ist, erkennt er nicht. Solange er sich selbst und seine Umwelt nicht hinterfragt und anfängt darüber nachzudenken, funktioniert er an die Gesellschaft angepaßt auf einem entmenschlichten Niveau, das sich nur durch Alkohol betäubt ertragen läßt. Er befindet sich in einem Zustand der Selbsttäuschung, in dem eine Diskrepanz zwischen seiner Wahrnehmung der Umwelt und der ihn umgebenden Wirklichkeit besteht. Deutlich wird diese Diskrepanz zwischen Yanks Glaube, er sei die entscheidende Kraft, der unumstrittene Herr über den Heizraum und der dahinterstehenden Wirklichkeit zum Beispiel am Anfang der dritten Szene: Während Yank davon überzeugt ist, daß er derjenige ist, der die Maschine und das Signal des Maschinisten kontrolliert: "Take it easy dere you! Who d´yuh tink´s runnin´ dis game, me or you? When I git ready, we move. Not before" (O´Neill 2: 1344), verhält es sich in Wirklichkeit genau andersherum.



2. Yanks Begegnung mit Mildred

Der im vorangegangenen Kapitel beschriebene Zustand von Yanks vollkommener Integration in seine Umwelt und seine Selbstillusionierung werden am Ende der dritten Szene durch die Begegnung mit Mildred, die wie das Signal des Maschinisten ein Teil der Wirklichkeit ist, schlagartig aufgehoben. Durch ihre Äußerung "Take me away! Oh, the filthy beast" (O´Neill 2: 1345) weist Mildred Yank ab und verletzt ihn zutiefst in seinem Stolz: "He feels himself insulted in some unknown fashion in the very heart of his pride" (O´Neill 2: 1345). Yank wird sich seiner affenartigen Erscheinung und seiner sozialen Minderwertigkeit bewußt, wodurch sein Selbstbildnis, von dem er bislang fest überzeugt war, plötzlich in Frage gestellt wird. Er beginnt an sich zu zweifeln und nachzudenken, was sich dar-an zeigt, daß er im folgenden Verlauf des Stückes wiederholt in der Haltung von Rodins "Der Denker" zu sehen ist. Virginia Floyd stellt hier in Mildreds Funktion als die Kraft, die Yank aus seiner Illusion reißt und seinen im folgenden Kapitel beschriebenen Selbstfindungsprozeß auslöst, eine Verwandtschaft O´Neills zum Drama Strindbergs fest:

O´Neills catalyst for Yank´s questioning of and the awakening to his true condition - woman the destroyer and nemesis of man - is Strindbergian. Yank is Strindberg´s dreamer in the sense that part of him has ever remaint dormant. . . . It is his encoun-ter with Mildred, who emerges out of darkness like the unconscious, shadowed side of him, that rouses this slumbering automaton from his lethargy.

Die kleine Welt des Heizraumes, deren unumstrittener Herrscher Yank war, bricht nun über ihm zusammen und kann ihm kein Gefühl der Zugehörigkeit und kein Selbstvertrauen mehr geben; alles, woran er geglaubt hat, was für ihn Sinn gemacht hat, ist auf einmal sinnlos geworden. Auf die innere Leere, in die Yank nach der Begegnung mit Mildred fällt, reagiert er, unfähig die Abläufe in ihm intellektuell zu begreifen oder zu artikulieren, zunächst verwirrt und benommen und später mit Wut, Haß und Rachegefühlen gegenüber Mildred. Daß Regierung, Gesetz und Gott auf seiner Seite sind, kann Yank weder trösten noch besänftigen, denn keine dieser Instanzen kann den in seinem Inneren ausgelösten Konflikt, an dem er im ganzen weiteren Verlauf der Handlung leidet, lösen.



3. Disintegration und Selbstfindung

Die Auflösung von Yanks Integration in seine Umwelt und die Zerstörung seines bis-lang unerschütterlichen Glaubens an sich und seine Stellung als allmächtiger Herrscher über seine Kameraden und die Maschinen im Heizraum in der dritten und vierten Szene sind der Anfang einer Suche nach einem Ersatz für seine verlorengegangene Identität. Von der Frage getrieben, wer er ist und wohin er gehört, beginnt Yank sich selbst und seinen Platz in der Welt zu entdecken, stößt jedoch, hilflos und nach Führung suchend, in der Gesellschaft überall nur auf Ablehnung. Durch das Denken aber, die typisch menschliche Fähigkeit, die ihn vom Tier unterscheidet, bewegt sich Yank ( aufgrund seiner beschränkten Intelligenz nur mühsam und schrittweise) aus seiner Entmenschlichung, wie sie zu Beginn des Stückes bestand, heraus, wird allerdings dadurch zum Ausgestoßenen und mit Isolation bestraft. Es lassen sich somit zwei gegeneinanderlaufende Entfremdungsprozesse fest-stellen: Während Yank anfangs in die Gesellschaft integriert ist, so lebt er doch - einem Neanderthaler gleich - auf einem verkümmerten Niveau, das ihn seiner Menschlichkeit entfremdet. Der Versuch aber diese Selbstentfremdung aufzuheben und zu einer Selbstfin-dung zu gelangen, hat Disintegration und eine Entfremdung von der Gesellschaft zur Folge. Dieser Prozeß soll im Folgenden aufgezeigt werden.

Zunächst begibt sich Yank in Szene V, in der Hoffnung sein altes Selbstvertrauen und Zugehörigkeitsgefühl durch Rache an Mildred wiederherstellen zu können, auf die Fith Avenue, wo er diese erniedrigen will, um seine eigene Würde wiederzuerlangen. Statt auf sie trifft Yank jedoch nur auf andere Vertreter ihrer Klasse, die wie Marionetten, ohne ihn zu beachten, vorüberziehen. Während Long Yank davon zu überzeugen versucht, daß nicht Mildred als Individuum, sondern die Klasse, der sie angehört und die herrschenden materiellen Verhältnisse Ursache seines Problems sind, ist Yank, unempfänglich für die marxistische Ideologie, nur darauf aus seine innere Wut loszuwerden und die Passanten zu provozieren, jedoch gelingt es ihm noch nicht einmal deren Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

In Szene VI sitzt Yank im Gefängnis und wird von den anderen Häftlingen ausgelacht und verspottet, nachdem er am Ende der vorangegangenen Szene von Polizisten zusam-mengeschlagen wurde. Wieder in der Haltung von Rodins "Der Denker" grübelt er über seine Situation nach und versucht, Antworten auf seine Fragen zu finden; er erkennt, daß er von Stahl eingesperrt ist, der Sache mit der er sich ehemals so sehr identifiziert hat. Die-ser Stahl, der von Mildreds Vater produziert wird, ist nun sein Feind. Von der Gewerkschaft der "Industrial Workers of the World" (O´Neill 2: 1355) wie sie in dem Hetzartikel des Senators dargestellt wird, nämlich als verbrecherische Organisation, die darauf aus ist, die bestehende demokratische Gesellschaftsordnung gewaltsam umzustürzen, ist Yank be-geistert. Er beabsichtigt sich den "Industrial Workers of the World" (O´Neill 2: 1355) an-zuschließen, um sich so mit Feuer und Dynamit an Mildred und ihrem Vater zu rächen:

Blow it offen de oith - steel - all de cages - all de factories, steamers, buildings, jails - de Steel Trust and all dat makes it go. . . . I mean blow up de factory, de woiks, where he makes de steel, knock all de steel in de woild uo to de moon. Dat´ll fix tings! . . . And I´ll write her a letter and tell her de hairy ape done it. Dat´ll square tings. (O´Neill 2: 1359)

Doch die "Industrial Workers of the World" (O´Neill 2: 1355), in welche Yank seine letzten Hoffnungen, doch noch seine Integration und sein Selbstvertrauen wiederzuerlangen, gesetzt hatte, entsprechen nicht dem Bild, das der Senator von ihnen gezeichnet hat und, auch sie weisen Yank ab; für einen Spion oder einen radikalen Dummkopf gehalten, wird Yank mit Gewalt aus deren Büro geworfen.

Nun am Ende der siebten Szene sowie in der folgenden Schlußszene ist Yank völlig verzweifelt; hilflos und ohne Hoffnung auf der Erde eine Antwort auf seine Fragen zu fin-den, wendet er sich an den Mann im Mond. Seine Isolation von der Gesellschaft ist an diesem Punkt am größten, im Gegensatz dazu ist aber seine Selbsterkenntnis, wenn auch längst noch nicht vollendet, am weitesten vorangeschritten. So hat er, anders als die Ge-werkschafter, die ihn hinausgeworfen haben, erkannt, daß das Problem nicht auf einer ge-sellschaftlichen Ebene (wo die Antwort soziale Reform heißen könnte), sondern vielmehr auf einer existentiellen Ebene zu suchen ist:

Dey´re in de wrong pew - de same old bull - soap boxes and Salvation Army - no guts! Cut out an hour offen de job a day and make me happy! Gimme a dollar more a day and make me happy! Tree square a day and cauliflowers in de front yard - ekal rights - a woman and kids - a lousy vote - and I´m all fixed for Jesus, huh? Aw, hell! What does dat get yuh? Dis ting´s in your inside, but it ain´t your belly. Feedin´ your face - sinkers and coffee - dat don´t touch it. It´s way down - at the bottom. Yuh can´t grab it, and yuh can´t stop it. It moves, and everything moves. It stops and de woild stops. Dat´s me now - I don´t tick, see? - I´m a busted Ingersoll, dat´s what. Steel was me, and I owned de woild. Now I ain´t steel, and de woild owns me. (O´Neill 2: 1360)

Und so stellt Virginia Floyd in ihrer Analyse zurecht fest, daß O´Neill in seinem Stück weniger die Bedingungen des menschlichen Zusammenlebens, als die der menschlichen Existenz untersucht (vgl. Floyd 4). Die Ursache für Yanks Konflikt liegt also nicht außen in der Gesellschaft, sondern in ihm selbst, in seinem Innern und spiegelt sich lediglich in sei-nem Verhältnis zur Außenwelt wider.



4. Yanks Scheitern

4.1 Yank als Gefangener seiner selbst

Diesem Innern, d.h. seinem Ich stellt sich Yank in der letzten Szene, indem er dem Affen im Zoo gegenübertritt. Das leitmotivisch auftauchende Symbol des "haarigen Affen" findet hier seine Vollendung. Angefangen mit den Regieanweisungen O´Neills, die Yanks affenartige Erscheinung beschreiben, über Mildreds Äußerung und Paddys Bemerkung, diese habe geguckt, als habe sie einen "haarigen Affen" gesehen, bishin zum Gewerk-schaftssekretär, der Yank als "hirnlosen Affen" beschimpft, wird das gesamte Stück hin-durch ein eindeutiges Bild von Yank gezeichnet. Mit diesem Bild, das ihm nun als alter ego im Käfig gegenübersitzt, setzt sich Yank auseinander und obwohl er auch an die Grenzen seiner Selbsterkenntnis stößt, gelangt er dennoch zu einer weitgehenden Erkenntnis seines Ich und seiner Situation:

Youse can sit and dope dream in de past, green woods, de jungle and de rest of it. . . . But me - I ain´t got no past to tink in, nor nothin´ dat´s comin´, on´y what´s now and dat don´t belong. Sure, you´re de best off! Yuh can´t tink, can yuh? Yuh can´t talk neider. But I kin make a bluff at talkin´ and tinkin´ - a´most git away wit it - a´most! - and dat´s where de joker comes in. (He laughs) I ain´t on oith and I ain´t in heaven, get me? I´m in de middle tryin´ to separate ´em, takin´ all de woist punches from bot´ of ´em. Maybe dat´s what dey call hell, huh? (O´Neill 2: 1362)

Mit diesen Worten hat Yank das Wesen seines Konfliktes ausgedrückt: Er steht in der Mitte zwischen Himmel und Erde, Vergangenheit und Zukunft und ist dort gefangen und kann weder vor noch zurück. Die Begabung zum Denken, das dem Menschen eigene Bewußtsein, das ihn vom Tier unterscheidet, wird hier zum Fluch. Zum Denken verdammt, kann Yank weder seinen Geist abschaffen, loswerden oder vernichten und somit auf die subrationale Ebene des Affen zurücksinken, noch bietet sich ihm irgendeine Möglichkeit,sein eigenes Bewußtsein zu überschreiten und zu einer transrationalen Ebene zu gelangen. Und so kommt auch das Symbol des Käfigs (vgl. Egri 176) zur vollen Geltung: Vom käfigartigen Heizraum, aus dem Yank ausbricht, um sich selbst und seinen Platz in der Welt zu entdecken, gelangt er über das Gefängnis auf "Blackwells Island" ( O´Neill 2: 1353) schließlich in den Affenkäfig im Zoo und stirbt auch dort. Gefangen zwischen "Tier" und "Übermensch", wird sein eigenes Ich zu einem Käfig, aus dem er niemals ausbrechen kann und in den er für die Dauer seines Lebens eingesperrt ist. Dies scheint Yank bewußt geworden zu sein, denn auf die Frage des Polizisten am Ende der siebten Szene "What you been doin´ " antwortet er: "Enuf to gimme life for! I was born, get me" (O´Neill 2: 1360), und später in Szene VIII sagt er zum Affen: "She [Mildred] wasn´t wise dat I was in a cage, too - worser´n yours - sure - a damn sight - ´cause you got some chanct to bust loose - but me - (He grows confused) Aw, hell! It´s all wrong, ain´t it?" (O`Neill 2: 1361).


4.2 Yank und seine archaischen Wurzeln

"The Hairy Ape was propaganda in the sense that it was a symbol of man, who has lost his old harmony with nature, the harmony which he used to have as an animal and has not yet acquired in a spiritual way" schrieb O´Neill in einem Brief an den New York Herald Tribune vom 16. November 1924. Daß der Mensch seine ursprünglich bestehende Har-monie mit der Natur verloren hat, heißt, er hat sich im Laufe der Evolution durch die geistige Entwicklung vom Primaten hin zu einem intelligenten, bewußt denkenden und handelnden Wesen von der Natur und allen anderen Lebewesen abgesetzt. Der Mensch hat sich somit also der Natur entrückt, er hat diese überschritten, bleibt aber zugleich immer noch ein Teil von ihr, in gewisser Weise immer noch mit ihr verbunden. Dies legt zum Beispiel I.J. Koplik dar, der in seiner Dissertation die Ideen der Jung´schen Psychoanalyse auf The Hairy Ape anwendet: Entscheidend ist dabei vor allem die Feststellung, daß der menschliche Geist ebenso ein Produkt der Evolution ist, wie der Körper. Daraus schließt Jung, daß auf tieferen, unbewußten Ebenen der Psyche noch archaische Elemente, also Elemente aus der entwicklungsgeschichtlichen Vergangenheit des Menschen, fortbestehen und den zivilisierten, bewußten Teil der Psyche beeinflussen.

Der Affe im Käfig, dem Yank in Szene VIII gegenübersteht, symbolisiert nun diese entwicklungsgeschichtlichen Wurzeln des Menschen; im Gegensatz zu Yank aber steht dieser noch in einem harmonischen Verhältnis zur Natur, und um dieses wird er von Yank beneidet: ". . . yuh´re lucky, see? . . . You belong! Sure! Yuh´re de o´ny one in de woild dat does, yuh lucky stiff" (O´Neill 2: 1362). Für Yank nämlich, der den zivilisierten Menschen des 20. Jahrhunderts repräsentiert, ist diese Harmonie mit der Natur unwiederbringlich verloren. Anders als der Affe ist er mit Bewußtsein, Intelligenz und der Fähigkeit zum Denken ausgestattet, doch sein Glück ist auch sein Unglück, denn die Möglichkeit zu den-ken wird zu einem Zwang und zur Unmöglichkeit nicht zu denken. Einmal mit einem Geist beseelt, muß der Mensch (oder in unserem Fall Yank) auch davon Gebrauch machen, das Zurückgehen auf die subrationale Ebene des Affen bleibt ihm verwehrt.


4.3 Die Notwendigkeit einer Sinngebung

Als bewußtes und intelligentes Wesen, als welches der Mensch im vorangegangen Ka-pitel beschrieben wurde, ist er aber auch das einzige Wesen, für das seine Existenz ein Problem ist. Wie die verschiedenen Vertreter des Existentialismus gezeigt haben, ist der Mensch nicht bereit sein "In-der-Welt-Sein" als bloße Tatsache hinzunehmen, sondern er ist ständig dazu getrieben, über die Gründe und Bedingungen seiner Existenz zu reflektieren. Da er in einer an sich sinnlosen Welt, ohne eine ihr immanente Ordnung lebt, die ihm von sich aus keine Erklärung für sein Vorhandensein liefert, muß der Mensch selbst nach einer plausiblen Erklärung für seine Existenz suchen und der Welt somit einen Sinn, eine gewisse Ordnung auferlegen. Das Vorhandensein einer solchen Sinngebung ist für jeden Menschen eine unerläßliche Bedingung, um ein Leben im Einklang mit sich und seiner Umwelt zu führen. In einer Welt, die für ihn keinen Sinn macht, kann der Mensch nicht überleben; das Fehlen eines Sinn führt zu Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit.

Seit jeher lieferte der Glauben an einen Gott dem Menschen eine befriedigende Erklä-rung für sein Dasein, vielen Menschen und Yank als deren Vertreter im Stück kann dieser Glaube im Zeitalter der Wissenschaft und Technik jedoch keine hinreichenden Antworten mehr auf die Fragen seiner Existenz geben, und so wird die Religion in der Form des Christentums in The Hairy Ape von Yank resigniert abgewiesen. Damit steht Yank jedoch vor dem Problem einen Ersatz zu finden, und diesen scheint er in der Verherrlichung der Maschine gefunden zu haben. Dieser Glaube an die Maschine, die Technologie, Wissenschaft und Materialismus symbolisiert, stellt sich allerdings als unfähig heraus, das menschliche Bedürfnis nach einem Sinn zu befriedigen. Und so läßt O´Neill seinen Protagonisten verschiedene andere Möglichkeiten (die Liebe zu einer Frau, Sozialimus, repräsentiert durch Long oder Paddys Pantheismus) ausprobieren, um zu der Einsicht zu gelangen, daß diese als Ersatz ebenfalls unzulänglich sind. Durch den "Tod des alten Gottes" und die Unfähigkeit der modernen Zivilisation einen angemessenen Ersatz zu finden, sieht O´Neill den Menschen in eine existentielle Krise gestürzt, die bedrohlicher ist, als alle politischen, wirtschaftlichen oder geschichtlichen Krisen es sein können.



5. Schlußbemerkung

Anhand der Figur des Yank zeigt O´Neill also auf, in welchem Dilemma der Mensch sich befindet: Mit einem Geist beseelt und somit der Natur und seinem eigenen Wurzeln entrückt, kann der Mensch im Gegensatz zu allen anderen Lebewesen seine Existenz nicht einfach hinnehmen, sondern er will bzw. muß sich selbst und die Welt, in der er lebt, er-forschen. Sich dieser mühevollen Aufgabe zu entziehen, ist dem Menschen nicht möglich, denn zurück auf die unbewußte, vegetative Ebene des Tieres kann er nicht. Auch bietet sich ihm keine Möglichkeit, sein eigenes Bewußtsein, seinen eigenen Verstand zu überschreiten. Somit bildet das eigene Ich die Grenzen, innerhalb derer das menschliche B-wußtsein gefangen ist.

Yanks Bemühen um Selbstfindung ist , obwohl er dabei scheitert und in Verzweiflung und Einsamkeit endet, dennoch recht bewundernswert, denn er befreit sich, im Gegensatz zu seinen Kameraden aus dem Heizraum, aus einem Zustand, in dem er seinen Geist mit Alkohol betäubt und sich so der Verantwortung entzieht, ein selbstbewußtes Leben zu füh-ren. Er gibt sich nicht mit vorgefertigten Antworten, wie Religion oder Sozialismus sie ihm liefern, zufrieden, sondern er macht sich wenigstens noch die Mühe, eigenständig nach Antworten zu suchen, wofür er auch den Verlust seiner sozialen Integration in Kauf nimmt. Yank stellt sich also der Verantwortung, die Bedingungen seiner Existenz zu erfor-schen und macht damit einen Schritt hin zu sich selbst und zu seiner Menschlichkeit.



ZITIERTE WERKE

Bowles, Patrick. "The Hairy Ape as Existential Allegory". The Eugene O´Neill Newsletter 3.1 (1980) : 2-3.

Clark, Marden J. "Tragic Effect in The Hairy Ape". Modern Drama 10 (1967) : 372-382.

Egri, Peter. "Belonging Lost: Alienation and Dramatic Form in Eugene O´Neill´s The Hairy Ape". Acta Literaria Academiae Scientarum Hungricae 24.1 (1982) : 157-190.

Engel, . The Haunted Heroes of Eugene O´Neill.

Falk, Doris V. Eugene O´Neill and the Tragic Tension. New Brunswick, N.J.: Rutgers University Press, 1958.

Floyd, Virginia. "The Search for Self in The Hairy Ape: An Excercise in Futility?". The Eugene O´Neill Newsletter 1.3 (1978) : 4-7.

Koplik, I. J. Jung´s Psychology in the Plays of Eugene O´Neill.

O´Neill, Eugene. The Hairy Ape: A Comedy of Ancient and Modern Life. The Heath An- thology of American Literature. 2 Bde. hg. Paul Lauter et al. Lexington: D.C.Heath, 1994. 1332-1363.

Turner, Clarence Steven. Man´s Spiritual Quest in the Plays of Eugene O´Neill.



 
   
  © 1997 Patrick Kübler