1. Fragestellung
Gegenstand der vorliegenden Seminararbeit ist es, die Ironie in Franz Kafkas "Forschungen eines Hundes" zu untersuchen. Dabei soll zunächst von der Frage ausgegangen werden, worin die Ironie der Erzählung besteht und wie sie sich äußert. Es soll analysiert werden, wie Kafkas Ironie funktioniert und welchen Effekt sie auf den Leser ausübt, um so eine Einordnung in die unterschiedlichen Ironiebegriffe zu versuchen. Des weiteren ist zu klären, wen oder was Kafka ironisiert, wer oder was das Ziel seiner Ironie ist. Es stellt sich also die Frage, ob diese als polemisch im Sinne der traditionellen Rhetorik zu bewerten ist oder ob Kafka mit seiner Ironie etwas Anderes bezweckt.
Um Antworten auf die oben formulierten Fragen zu finden, soll so vorgegangen werden, daß die Einzelzüge von Kafkas Ironie (d.h. ihre Funktionsweise, ihre Wirkung, ihr Ziel etc.) analysiert und gleichzeitig ihr Bezug zu den Begriffen ,rhetorische', ,tragische', prinzipielle', und ,Sokratische Ironie' deutlich gemacht werden. So soll eine möglichst umfassende Beschreibung der sehr vielschichtig auftretenden Ironie erreicht werden.
2. Die Analyse der ironischen Komik
Dem Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte zufolge ist die Ironie "die sublimste Form des Komischen". Im Gegensatz zum Humor fehlen der Ironie plötzliche scharfe Pointen und zündender Witz, was zur Folge hat, daß der Leser oder Hörer nicht in lautstarkes Gelächter ausbricht, sondern eher still im Innern lacht oder heimlich lächelt. Ironie ist also nicht witzig oder lustig, kann aber dennoch äußerst komisch sein. Anstatt von Pointen sind "subtile Anspielungen auf etwas wörtlich nicht Gesagtes", welche "durch eine bewußt manipulierte Form der Verbergung in Gang kommen", kennzeichnend für alle Formen des ironischen Stils. Dabei nimmt der Leser "die Rolle des ,Eingeweihten' [...], dem der eigentliche Hintergrund der ironischen Äußerung vertraut ist", ein.
Nach genau diesem Prinzip funktioniert auch die Ironie in Franz Kafkas "Forschungen eines Hundes": Der Erzähler, ein gealterter Hund, berichtet rückblickend darüber, wie ihn sein ganzes Leben lang eine Reihe von rätselhaften Phänomenen (wie z.B. seine erste verwunderliche Begegnung mit den "Musikhunden" (255), deren eigentümliches Verhalten für ihn undurchschaubar und höchst verwirrend gewesen ist oder die vielen merkwürdigen Widersprüchlichkeiten beim Erscheinen der Nahrung oder das befremdliche Phänomen der "Lufthunde" (251)) beschäftigt haben. Er erzählt, daß er durch wohldurchdachte Experimente, eifriges Forschen und intensive Überlegungen permanent versucht hat, diese Phänomene zu verstehen und zu erklären. Jedoch muß er feststellen, daß er gescheitert ist. Sein lebenslängliches Forschen hat ihn einer Antwort auf seine Fragen nicht näher gebracht. Kaum etwas ist klarer geworden, denn seine Suche nach Erkenntnis ist weitgehend ergebnislos geblieben.
Während der Erzähler über die Gründe für sein Scheitern nur spekulieren kann, ist es dem Leser dagegen möglich, aus den Schilderungen des Erzählers die Gründe für dessen Scheitern zu erkennen: Das Leben des Erzählers sowie das der Hundeschaft allgemein wird vom Menschen bestimmt. Allerdings ist es den Hunden in Kafkas Erzählung - anders als Hunden in der Wirklichkeit - nicht möglich, diese sie bestimmende Macht sinnlich wahrzunehmen. Dieses Nichtwahrnehmen des Menschen hat zur Folge, daß für die Hunde ihr Leben immer dann geheimnisvoll und unverständlich wird, wenn der Mensch in irgendeiner Weise Einfluß darauf nimmt. Der Erzähler beobachtet andauernd nur die Auswirkungen der ihn umgebenden Menschenwelt auf sich und seine Mithunde und bemüht sich, diese zu deuten und zu erklären. Die Ursachen dagegen bleiben ihm verborgen, weil sie außerhalb seines Bewußtseins liegen. Die Versuche des Erzählers, eindeutige Erklärungen für die Phänomenen seines Daseins zu finden, müssen somit ergebnislos bleiben, weil er nicht den Menschen als die Quelle dieser Phänomene erkennt.
Ein komischer Effekt entsteht nun dadurch, daß sich dem Leser auf Grund seines ,Wissensvorsprungs' sowie durch Kafkas zahlreiche Anspielungen in den Schilderungen des Erzählers der tatsächliche Hintergrund der für den Erzähler so rätselhaften Phänomene erhellt. So berichtet der Erzähler zum Beispiel von seiner Begegnung mit den "Musikhunden" (255), daß diese sich ihm, eine entsetzlich laute, "betörende Musik" (240) hervorbringend, näherten und obwohl er nicht erkennen konnte, wie die Hunde diese Musik erzeugten, stand es für ihn trotzdem fest, daß es die Hunde sind, die die Musik verursachen. Der Erzähler begründet dies mit einer, ihm bis dahin entgangenen, "nur dem Hundegeschlecht verliehenen schöpferischen Musikalität" (236), die es den "Musikhunden" (255) möglich macht, die Musik "aus dem leeren Raum" (237) empor zu zaubern. Zusätzlich zu der ohrenbetäubenden Musik erschien dem Erzähler auch das Verhalten der Hunde als sehr sonder-bar. Er beobachtete nämlich, wie diese unter "äußerster Anspannung", "ängstlichen Zuckungen" (239) und mit zitternden Beinen, im Takt zur Mu-sik, "Prozessionen" (238) führten, "Sprünge" (238) taten, "reigenmäßige Verbindungen [...] miteinander eingingen" (237) und sogar den Hundegesetzen zum Trotz "aufrecht auf den Hinterbeinen" (240) gingen.
Während der Erzähler nicht weiß, wie er dieses Erlebnis verstehen soll, ist es für den Leser recht offensichtlich, daß es sich bei den Bewegungen der "Musikhunde" (255) um Kunststücke einer Dressurnummer handelt und daß es nicht die Hunde sind, die die Musik erzeugen, sondern wahrscheinlich eine Zirkuskapelle, die den Auftritt begleitet. Und "ein klarer, strenger, immer sich gleich bleibender, förmlich aus großer Ferne unverändert ankommender Ton", der "vielleicht die eigentliche Melodie inmitten des Lärms" (240) ist, läßt auf einen Dresseur schließen, welcher die Hunde mit seiner Hundepfeife kontrolliert.
Genauso wie mit den "Musikhunden" (255) verhält es sich mit dem Erschei-nen der Nahrung. Auch dies ist für den Erzähler äußerst widersprüchlich, un-durchsichtig und merkwürdig: Nach den Gesetzen der "Nahrungswissenschaft" (277) bringt die Erde, unter der Bedingung, daß die Hunde den Boden bearbeiten und bewässern, den Hauptteil der Nahrung hervor. Der Erzähler stellt diese Gesetze nicht in Frage, beobachtet aber, daß zum einen, selbst wenn er gänzlich untätig wäre, er dennoch die Nahrung auf der Erde finden würde und daß zum anderen der Hauptteil der Nahrung, bevor die Hunde ihn auf der Erde finden, von oben herabkommt. Es stellt sich ihm die Frage, ob die Erde die Nahrung aus sich hervorbringt oder diese aus der Höhe herab-ruft. Außerdem versteht er nicht, warum die "Ergänzungs-Verfeinerungs-Arbeit in Form von Spruch, Tanz und Gesang" (263), die laut Wissenschaft dem Boden die Kraft geben soll, die Nahrung von oben herabzuziehen, stets in die Höhe gerichtet ist: "dem Boden müßte alles zugeflüstert, vorgesprun-gen, vorgetanzt werden"(263). Sein ganzes Leben lang versucht der Erzähler durch zahlreiche wohldurchdachte Experimente, eine Erklärung für diese Widersprüche zu finden, sucht nach Regeln oder Gesetzmäßigkeiten, nach denen sich das Erscheinen der Nahrung vollzieht, nach eindeutigen Beweisen für oder gegen die eine oder andere Theorie, kommt aber zu keinem Ergebnis.
Der Leser allerdings weiß, daß Hunde vom Menschen gefüttert werden. So-mit wird er von Kafka in die Rolle des ,Eingeweihten', des ,Besserwissenden' versetzt, und aus dieser Perspektive erscheinen die Forschungen, Experimente und Überlegungen des Erzählers äußerst komisch, da der Leser weiß, wie fehlerhaft und unzutreffend diese sind. Der Erzähler wird zum Narren, über dessen Lächerlichkeit und Dummheit es sich vortrefflich lachen läßt.
Der Erzähler wird also zu einer Witzfigur gemacht, die auf den Leser komisch wirkt. Wer jedoch über den Erzähler lacht, sollte wissen, daß er damit über sich selbst lacht, denn wenn Kafka von Hunden und Hundeschaft schreibt, ist eigentlich der Mensch gemeint. Ein Beleg für diese These findet sich zu Beginn der Erzählung, wo der Erzähler das Verhältnis der Hunde-schaft zu den übrigen Lebewesen beschreibt:
Es gibt außer uns Hunden vielerlei Arten von Geschöpfen ringsumher, arme, geringe, stumme nur auf gewisse Schreie eingeschränkte Wesen, viele unter uns studieren sie, haben ihnen Namen gegeben, suchen ih-nen zu helfen , sie zu erziehen, zu veredeln und dergleichen. (234)
Die Hunde sehen sich also als die höchstentwickelte Form von Lebewesen. Dies entspricht dem Selbstverständnis des Menschen, der sich als die ,Krone der Schöpfung' sieht und die ihm untergeordneten Lebewesen zum Beispiel in der Biologie erforscht und klassifiziert. Kafkas Erzählung ist also als Gleichnis zu verstehen, wobei die Hunde den Menschen repräsentieren, was auch erklärt, warum die Hunde in der Erzählung anders als in der Wirklichkeit erstaunlicherweise nur ihnen untergeordnete Lebewesen wahrnehmen können, aber nicht den ihnen übergeordneten Menschen. Auf diesem zentra-len Gleichnis beruht dann auch die Wirkung der Erzählung auf den Leser: Kafka überträgt die Situation des Menschen eine Ebene tiefer auf die des Hundes und hält so dem Menschen einen Spiegel vor. Er führt dem Menschen dessen eigene Dummheit vor Augen und macht das Erkenntnisstreben des Menschen lächerlich.
Dies läßt sich als ein Element der rhetorischen Ironie charakterisieren, die in Gero von Wilperts Sachwörterbuch der Literatur definiert wird als:
Die komische Vernichtung eines berechtigt oder unberechtigt Anerkennung Fordernden, Erhabenen durch Spott, Enthüllung der Hinfälligkeit, Lächerlichmachung unter dem Schein der Ernsthaftigkeit oder gar des Lobes.
3. Die Ambivalenz der Ironie
Mit einer solchen Einordnung wird jedoch nur ein Aspekt der in der Erzählung sehr vielschichtig angelegten Ironie erfaßt. Einerseits entsteht durch die Ironie eine gewisse Komik in der Erzählung, aber andererseits ragt die Ironie auch "über das Gebiet des Komischen im Sinne des Lächerlichen" hinaus. Neben ihrer komischen Seite besitzt die Ironie auch einen "dunklen Unter-grund", d.h. es besteht "die Möglichkeit des Umschlags in Bitterkeit und Verzweiflung". Und so ist der Erzähler nicht nur eine Witzfigur, über die gelacht wird, sondern neben dem komischen Aspekt verbindet sich auch eine gewisse Tragik mit ihm. Verzweifelt blickt er auf sein Leben zurück ("Sieh das Werk deines Lebens!" (250)) und muß sich eingestehen, daß ihm "alles mißlungen ist" (260). Seine "Forschungsbegierde" (246) ist zwar sein "einge-borenes Wesen" (242), aber enttäuscht vom Scheitern seiner lebenslangen Forschungen, bezeichnet er diese resigniert als "hoffnungslos" (261). Er lebt "zurückgezogen", ist "einsam" (234) und melancholisch, und "seit einigen Jahren" fehlt es ihm "auch an Appetit" (243), also an Hingabe und Eifer: "Auch ist in meine Forschungen Unordnung gekommen, ich lasse nach, ich ermüde, ich trotte nur noch mechanisch, wo ich begeistert lief" (262).
Das gescheiterte Forscherleben des Erzählers steht jedoch nur beispielhaft für die Hundeschaft, denn so wie das Forschen, Experimentieren und Reflektieren des Erzählers ihn zu keinem Ergebnis geführt hat, ist auch das Erkennt-nisstreben der Hundeschaft insgesamt wenig erfolgreich:
Aber was wollen denn die Fragen, ich bin ja mit ihnen gescheitert, wahrscheinlich sind meine Genossen viel klüger als ich und wenden ganz andere vortreffliche Mittel an, um dieses Leben zu ertragen, Mittel freilich, die, wie ich aus eigenem hinzufüge, vielleicht ihnen zur Not helfen, beruhigen, einschläfern, artverwandelnd wirken, aber in der Allgemeinheit ebenso ohnmächtig sind, wie die meinen, denn, soviel ich auch ausschaue, einen Erfolg sehe ich nicht. Ich fürchte, an allem anderen werde ich meine Artgenossen eher erkennen als am Erfolg. (256)
Auf den Menschen bezogen bedeutet dies, daß das jahrtausendealte Bestreben des Menschen den Sinn seines Daseins zu ergründen, ihn einer Antwort nicht näher gebracht hat. "Seit Urzeiten" (234), d.h. also seit sich der Mensch durch die Evolution seines Geistes von allen anderen Lebewesen abgesetzt hat, strebt er kontinuierlich danach, sich selbst und seine Umwelt zu erforschen und zu verstehen. Als Quelle der (Selbst-) Erkenntnis dient ihm zum einen die Wissenschaft, auf welche sich der Erzähler immer wieder bezieht. Zum anderen beansprucht auch die Religion, das Phänomen der menschlichen Existenz zu ergründen. In der Erzählung wird die Religion repräsentiert durch die "Zeremonien", "Zaubersprüche" und "alten Volksgesänge", mit denen sich das "Volk [...] in die Höhe" (264) richtet, um das Herabkommen der Nahrung zu bewirken. Diese dem Himmel zugewandten Rituale haben einen Anklang von Mythos und bilden einen Kontrast zur Wissenschaft, die "bei ihren Lehren nur an den Boden" (264) denkt. Als dritte Quelle des Wissens, die dem Menschen eine Erklärung für sein Dasein und dessen Sinn liefern will, taucht in der Erzählung die Philosophie auf. Sie wird durch die "Lufthunde" (251), die "in der Luft zu schweben imstande sind" (252) und bei denen es sich in Wahrheit um von Menschen getragene Schoßhunde han-delt, repräsentiert. Die "Lufthunde" (251) leben höher als die gewöhnlichen Hunde auf der Erde und haben somit einen weiteren Horizont. Auf Grund ihrer "Beobachtungen, die sie von ihrem erhöhten Standort aus machen" (253), haben sie eine größere Einsicht in die Dinge als ihre Mithunde. Die "Lufthunde" (251) stehen für die Klasse der Künstler, Philosophen und Denker, sind den gewöhnlichen Hunden aber suspekt, denn sie "säen nicht und ernten doch" (253). Das heißt sie leisten keine körperliche Arbeit, sie sind nicht im üblichen Sinne produktiv, werden aber von der Gesellschaft ausge-halten. Ihr Leben und Tun erscheint dem Erzähler äußerst unsinnig, und er stellt fest, daß "ihre Philosophie [...] wertlos ist" (253) und daß "die Wissenschaft kaum etwas davon verwenden kann" (253-254).
Alle diese Erkenntnisquellen erweisen sich jedoch als nur eingeschränkt tauglich. Der Fortschritt der Wissenschaft vollzieht sich zwar immer schneller, und das Wissen des Menschen über sich selbst und seine Umwelt mehrt sich ständig, von einer eindeutigen und umfassenden Antwort auf die Frage nach dem Sinn seiner Existenz ist der Mensch trotz jahrtausendelangem Suchen dennoch weit entfernt. Das Fragestellen bleibt endlos, denn jede gefundene Antwort wirft wiederum zahlreiche neue Fragen auf. Die Suche des Menschen nach (Selbst-) Erkenntnis, die so alt ist wie der menschliche Geist, hat sich Kafka zufolge in einem "endlosen Irren" (259) verloren.
Kafka führt dem Leser somit nicht nur dessen eigene Dummheit und Lächer-lichkeit vor, sondern er veranschaulicht durch seine Erzählung das Dilemma, in welchem er den Menschen gefangen sieht. Dieses besteht darin, daß es einerseits die Natur des Menschen ist, das Geheimnis seines Daseins zu ergründen, es andererseits aber so aussieht, als sei ihm das unmöglich. Denn überträgt man Kafkas Gleichnis zurück auf die menschliche Situation, dann ent-spricht der Rolle des Menschen in der Erzählung in der Wirklichkeit ein dem Menschen übergeordnetes, sein Schicksal bestimmendes, seiner sinnlichen Wahrnehmung unzugängliches, höheres Wesen, also eine Gottheit, die so über das Erkenntnisstreben des Menschen lacht, wie der Leser über die ver-zweifelten Bemühungen der Hunde in der Erzählung lacht. Dadurch, daß der Leser die Unmöglichkeit eines Erfolges des hündischen Erkenntnisstrebens erkennt, soll ihm die Sinnlosigkeit seines eigenen Strebens nach (Selbst-) Er-kenntnis bewußt werden. Denn so wie die Forschungen der Hundeschaft zwangsläufig scheitern mußten, hat auch der Mensch bei seiner Suche nach Wahrheit und Erkenntnis laut Kafka keine Aussicht auf Erfolg. Das Dilemma, das Kafka in seiner Erzählung darstellt, scheint ausweglos zu sein, denn es könnte nur aufgelöst werden, wenn der Mensch einen ihn bestimmenden Gott sinnlich wahrnehmen könnte, jedoch befindet sich der Mensch in Unklaren über ein solches höheres Wesen. Das heißt dessen Existenz läßt sich weder eindeutig beweisen noch eindeutig ausschließen.
Betrachtet man nun das anfangs untersuchte Verhältnis von ,nichtwissendem' Erzähler und eingeweihtem, durchschauendem Leser sowie die Tragik, die sich mit der Figur des Erzählers verbindet, so wird eine gewisse Analogie zu der aus dem Drama bekannten tragischen Ironie sehr deutlich. Bei dieser ist sich der Held des Dramas anders als der Leser bzw. Zuschauer seiner tat-sächlichen Lage, d.h. der herannahenden Katastrophe nicht bewußt. "Der Zuschauer [hingegen erkennt] hinter einem Ausspruch der agierenden Personen einen verhängnisvollen Doppelsinn, der diesen selbst noch verborgen bleibt". Ganz ähnlich verhält es sich auch in Kafkas Erzählung, jedoch läuft die Handlung nicht auf eine Katastrophe zu, im Laufe derer der Erzähler zu einer Einsicht in das volle Ausmaß seines Schicksals gelangt, obschon er dieses ansatzweise zu erahnen scheint:
Immer mehr in letzter Zeit überdenke ich mein Leben, suche den ent-scheidenden, alles verschuldenden Fehler, den ich vielleicht begangen habe, und kann ihn nicht finden. Und ich muß ihn doch begangen ha-ben, denn hätte ich ihn nicht begangen und hätte trotzdem durch die redliche Arbeit eines langen Lebens das, was ich wollte, nicht erreicht, so wäre bewiesen, daß das, was ich wollte, unmöglich war und völlige Hoffnungslosigkeit würde daraus folgen. (250)
4. Der ironische Stil
Es lassen sich also sowohl Elemente der ,rhetorischen Ironie' als auch der "tragischen Ironie" in Kafkas Erzählung wiederfinden, einer adäquaten Beschreibung des ironischen Stils wird man damit jedoch noch nicht gerecht. Die Ironie in "Forschungen eines Hundes" läßt sich eher mit dem im Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte angeführten Begriff der "prinzipiellen Ironie" erfassen. Denn durch das die ganze Erzählung durchziehende Verhältnis von ,Verbergung' und ,Eingeweihtsein' entsteht eine "ironische Grundstimmung", d.h. Kafkas Ironie äußert sich "als ein das literarische Werk wesentlich strukturierendes Prinzip". Die Ironie wird also nicht an bestimmten Textstellen in Form von einzelnen ironischen Wendungen oder rhetorischen Figuren sichtbar, sondern eine "untergründige und durchgängige Ironie" kennzeichnet die Erzählung.
"Ironie als rhetorisches Mittel ist fast immer aggressiv", "literarische Ironie [dagegen] schließt wesentlich die Selbstironie mit ein, und der Einsatz ironi-scher Mittel im Dienste der Polemik tritt zurück". Und so ist es wichtig festzustellen, daß Kafka mit seiner Ironie nicht in polemischer Weise irgend jemand angreift. Er macht sich nicht von einer höheren, überlegenen Ebene herab über die Dummheit und Lächerlichkeit des menschlichen Daseins lustig, sondern er schließt sich selbst ausdrücklich mit ein, wenn er das Streben des Menschen nach Erkenntnis ironisiert. Kafka soll nicht mit dem Erzähler gleichgesetzt werden, aber es ist recht naheliegend, daß Kafka, wenn er von dem ,dummen', aber auch verzweifelten Hund schreibt, auch auf sich selbst anspielt. Für diese Hypothese spricht zum einen, daß Kafka für seine Erzäh-lung einen Ich-Erzähler wählt. Zum anderen ließen sich bei genauerer Untersuchung von Kafkas Biographie vermutlich einige Ähnlichkeiten zwischen den auffallend ausführlichen Selbstcharakterisierungen des Erzählers und der Person Kafkas feststellen. So wird der Erzähler zum Beispiel von einem besonders ausgeprägten Erkenntnisdrang getrieben. Er setzt sich weitaus intensiver als die gewöhnlichen Hunde mit den Fragen des Daseins auseinander, sie sind für ihn "unentbehrlich" (234), er ist ihnen "ganz und gar verfallen" (235), was zur Folge hat, daß er "zurückgezogen" und "einsam" (234), d.h. isoliert von der Gesellschaft lebt. An dieser Stelle kann jedoch nur vermutet werden, daß diese Selbstcharakterisierungen des Erzählers auch auf Kafka zutreffen. Dies soll allerdings nicht den Zweck haben, in positivistischer Ma-nier einen Kausalzusammenhang zwischen dem Text und der Biographie des Autors herzustellen. Es soll lediglich deutlich werden, daß Kafka sich mit seiner Ironie auch gegen sich selbst richtet, daß er sich selbst ironisiert.
5. Sokratische Ironie
Durch die Selbstironie in Kafkas Erzählung wird schließlich auch eine gewisse Nähe zur "Sokratischen Ironie" deutlich. Diese ist in gleicher Weise wesentlich durch "Selbstironisierung" gekennzeichnet und "dient dem pädagogischen Zweck, im Anschein eigener Unwissenheit einen eingebildeten Weisen ebenfalls seines Nichtwissens zu überführen und zu echtem Wissen zu leiten". Als besonders zutreffend in Bezug auf Kafkas Erzählung erscheinen mir die in Gero von Wilperts Sachwörterbuch der Literatur unter "Sokratischer Ironie" angeführten Begriffe "komische Selbstvernichtung" und "Selbstverkleinerung", denn Kafka verkleinert den Menschen (und damit auch sich selbst) zu einem Hund, der wissend sein möchte und der glaubt wissend zu sein, der letztlich aber höchst unwissend ist, weil sein Schicksal von Mächten bestimmt wird, die außerhalb seines Bewußtseins liegen.
Die "Sokratische Ironie" ist eine "Methode der Erkenntnisförderung", ihr Ziel ist das Finden von Wahrheit und Erkenntnis, jedoch wurde in den vorangegangenen Kapiteln deutlich, daß Kafka eben dies, nämlich das menschliche Streben nach Erkenntnis, in Frage stellt. Aber andererseits vermittelt Kafka dem Leser wiederum eine Erkenntnis über Erkenntnis, denn er verhilft zu der Einsicht, daß das bisherige Wissen des Menschen unzureichend oder gar falsch ist. Er führt also dem Leser ganz im Sinne der "Sokratischen Ironie" sein eigenes Nichtwissen vor Augen, Ob er den Menschen damit zu weiterer "Erkenntnisantrengung", zum Weitersuchen und Weiterfragen auffordern will, ist fraglich. Denn zum einen läßt Kafka den Erzähler tapfer gegen das ihn umgebende "Bollwerk des Schweigens" (249) sowie gegen dessen eigenen hündischen "Drang zu schweigen" (251) ankämpfen und zum anderen führt er dem Leser das armselige Scheitern und die Unmöglichkeit eines Erfolges der hündischen (also menschlichen) Forschungen vor.
Literaturverzeichnis
Quellen
Kafka, Franz. "Forschungen eines Hundes". Beschreibung eines Kampfes.
Novellen, Skizzen, Aphorismen aus dem Nachlaß. Hrsg. von Max Brod.
Frankfurt: S. Fischerverlag. 1946. S.233-278.