Virginia Woolf - The Legacy


Das Besondere an Virginia Woolfs Erzählung "The Legacy" ist, daß die Handlung erst nach dem Tod einer der beiden Hauptfiguren einsetzt. Die personale Erzählsituation, in der der Politiker Gilbert als Reflektorfigur fungiert, erlaubt es uns zunächst nicht, daß wir uns ein eigenes Bild von seiner scheinbar verunglückten Frau Angela machen. Alles, was wir über sie wissen, erfahren wir durch seine Gedanken und Erinnerungen. Unsere Informationen entsprechen dem eingeschränkten Wissenshorizont Gilberts, und wir sind auf das Bild angewiesen, das er uns von seiner Frau vermittelt.

Dieses Bild und auch Gilberts Selbstbild sind zu Beginn der Erzählung noch unangetastet. Er sieht seine Frau als "schoolgirl", das er belehren kann, ein bißchen naiv und kindlich, ihm an Bildung und Intelligenz natürlich unterlegen: "īGilbert gave me a most interesting account of the history of Venice". Allgemein wird sie als ein Anhängsel an ihn betrachtet, das seine Karriere zu fördern hat: "Did I realise my responsibility, Lady L. asked me, as Gilbertīs wife?". Als eigenständige Persönlichkeit wird Angela von Gilbert nicht wirklich ernst genommen, was sich daran zeigt, wie geringschätzig er auf ihr soziales Engagement reagiert oder daß er ihre Tagebuchaufzeichnungen (zunächst arglos) als "insignificant, happy, daily trifles" bezeichnet.

Er selbst charakterisiert sich für uns Leser vor allem durch die Art und Weise, wie er seine Frau charakterisiert und durch sein Verhalten gegenüber Sissy Miller: Er ist eingebildet, überheblich und chauvinistisch, er fühlt sich diesen beiden Frauen gegenüber überlegen und nimmt ganz selbstverständlich die dominante Position ein. Daß er Sissy Millers Blicke und Worte zu Beginn des Ausschnitts völlig mißversteht (sie ist nicht in ihn verliebt, sondern weiß um die Entdeckungen, die er noch machen wird), zeigt seine schlechte Menschenkenntnis und charakterisiert ihn als egozentrisch und selbstverliebt: "he could not help admitting that he was still [...] a very distinguished looking man [...] Of course Sissy Miller felt that too."

Durch die Lektüre der Tagebücher jedoch entpuppt sich im weiteren Verlauf der Geschichte das Bild, das Gilbert von seiner Frau hat, als grundlegend falsch. Die einzelnen Bände ihres Tagebuchs dokumentieren chronologisch den zunehmenden Verfall ihrer Ehe. Aus anfänglicher Harmonie und Bewunderung entwickeln sich zunächst Ängste ("I was so anxious to make a good impression" und später mehr und mehr Einsamkeit seitens Angela. Durch das Lesen der Tagebücher stellt Gilbert fest, daß sich seine Frau, von ihm vernachlässigt, innerlich von ihm abgesondert und ein eigenständiges, vor ihm verheimlichtes Leben geführt hat. Und er findet heraus, daß ihr Tod kein Unfall war, sondern daß sie aus Verzweiflung über den Tod ihres Geliebten Selbstmord begangen hat.

Gilbert, der glaubte seine Frau gut zu kennen, muß erkennen, daß sie nicht das war, für was er sie gehalten hat. Im Verlauf der Erzählung entdeckt er seine Frau völlig neu, und wir, die bedingt durch die personale Erzählsituation seinen Gedanken, Erinnerungen und Wahrnehmungen unmittelbar folgen, mit ihm. Jedoch natürlich nur beim ersten Lesen, denn da ahnen wir zwar, daß es etwas nicht stimmt (die Tatsache, daß Angela ihr Eigentum quasi testamentarisch an ihre Bekannten vermacht, sollte uns stutzen lassen), aber wir wissen auch nicht mehr als Gilbert und können noch nicht absehen in welche Richtung das Ganze geht. Beim zweiten Lesen aber haben wir uns anhand ihrer Tagebuchnotizen ein eigenes, näher an Angela liegendes Bild von ihr machen können. Damit haben wir einen Wissensvorsprung vor Gilbert und können die zahlreichen Elemente dramatischer Ironie im Text erkennen. Wir kennen den tatsächlichen Grund für Sissy Millers Worte und Blicke, und es erscheint uns schon komisch, wie falsch Gilbert die Situation deutet, sein überhebliches Lachen würde ihm im Hals stecken bleiben, wenn er wüßte, was wir wissen. Wir wissen, daß Angelas Tagebuch ganz und gar nicht so unbedeutend ist, wie es Gilbert zunächst einschätzt, wir wissen, daß es ihr Vermächtnis an ihn ist und Wahrheit und Enthüllung ihres Doppellebens bedeutet.

Patrick Kübler



 
   
  © 1998 Patrick Kübler